Hirnspuk

Wales Tag 2 – Erddig

Nachts wird es dann tatsächlich irgendwann endlich ruhiger – wie angekündigt geht die Lüftung des Restaurants aus, aber deutlich später als gedacht. Und weckt uns wie befürchtet heute morgen – brrrruuuuuummmmm.

Gegen 7 Uhr entscheiden wir uns, aufzustehen. Die so gewonnene Zeit nutze ich, um den gestrigen Blogartikel noch mit Fotos zu versehen und zu posten. Danach duschen, frühstücken und gegen 10 Uhr geht es dann auch weiter.

Unser Ziel ist das Erddig Estate (National Trust). Nach etwa 30 Minuten Fahrt kommen wir dort auch schon an. Parken ist kostenlos, der Eintritt dank INTO für uns ebenfalls. Vor Ort erwartet uns eine recht verwinkelte Anlage mit großem Parkland und angrenzenden Woods. Das Wetter zeigt sich leider eher Klischee „typisch britisch“ – leichter Nieselregen –, aber wir sind ja entsprechend ausgerüstet.

Zunächst erkunden wir das Gelände auf eigene Faust. Die Gebäude bestehen überwiegend aus Backstein und sind schön anzuschauen. Um 11:15 Uhr schließen wir uns dann einer Führung an. Dabei erfahren wir unter anderem, dass die Front des Hauses nach Westen ausgerichtet und dadurch besonders stark dem Wetter ausgesetzt ist. Der Mörtel wurde über die Zeit entsprechend angegriffen, weshalb man die Fassade später mit glatteren Steinen verblendet hat, was dazu führt, dass die Front heute deutlich anders aussieht als der Rest der Gebäude. Unserer Meinung ist die Rückseite aber deutlich schöner, wobei man von der Vorderseite aus jedoch einen sehr schönen Weitblick über das Gelände in die Natur hat.

Hinter dem Haus befinden sich die Formal Gardens, die typisch ordentlich angelegt wurden, und daher insgesamt für uns nicht so interessant sind. Die Geschichte des Hauses hat ein paar Besonderheiten: Ursprünglich kleiner, wurde es im Laufe der Zeit von verschiedenen Generationen gleich zweimal erweitert. Besonders auffällig ist auch die enge Verbindung zu den Angestellten. Es wurden Portraits langjähriger Mitarbeiter angefertigt und ausgestellt, und viele Familien waren über mehrere Generationen hinweg hier tätig, teils mit bis zu 60 Personen gleichzeitig (etwa zur Hälfte im Haus, zur Hälfte auf dem Gelände).

Die Besitzerfamilie hat zudem offenbar nahezu alles aufgehoben, was sich heute in einer sehr vollständigen Sammlung widerspiegelt. Eine kleine Kuriosität am Rande, die es u.a. für die Historiker nicht einfach macht: Die Söhne wurden wohl über Generationen hinweg entweder Simon oder Philip genannt, Töchter hatten unterschiedliche Namen.

In der letzten Generation ließ der erste Sohn das Anwesen allerdings zunehmend verkommen. Hinzu kam, dass der Boden unter dem Gebäude durch einstürzenden Kohlenminen-Gängen nachgab, wodurch die Substanz des Gebäudes deutlich beschädigt wurde (gesprungene Fenster, Risse in den Wänden, durchhängendes Dach u.ä.). Nach seinem Tod – und damit erstmals keiner direkten Weitergabe an den Erstgeborenen – lebte sein Bruder noch eine Zeit lang dort und verhandelte schließlich mit dem National Trust. Die Bedingung für die Übergabe: das Anwesen und der gesamte Inhalt sollten vollständig erhalten bleiben. Nach längeren Verhandlungen wurde dem zugestimmt, und die notwendige Sanierung konnte unter anderem durch den Verkauf eines größeren Landstücks finanziert werden. Bei der späteren Öffnung soll der Sohn angemerkt haben, dass sein Vater wohl stolz gewesen wäre, wie das Anwesen durch den National Trust gerettet und aufgearbeitet wurde.

Nach der Führung besichtigen wir noch das Innere des Hauses. Durch eine verwinkelte Routenführung wird man recht geschickt durch alle Bereiche geleitet und bekommt einen guten Eindruck der Größe und Nutzung. Im Gebäude wurde bei einer der Erweiterung sogar eine eigene Kapelle eingebaut. In einem der Bäder entdecken wir auch eine historische Dusche, in der man unter einer Art Bottich mit Löchern steht und durch Zug an einer Kette das Wasser starten kann.

Insgesamt verbringen wir auf dem Anwesen etwa 3 Stunden, da wir nach der Besichtigung des Hauses auch noch einmal um das Gebäude laufen, um noch Fotos zu machen, die wir während der Führung nicht machen konnten.

Auf dem Weg zurück zum Auto machen wir noch einen kurzen Halt im Bookstore des National Trust und nehmen zwei gebrauchte Bücher mit, bevor es weitergeht.

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