Hirnspuk

Wales Tag 19 – Dinorwig Slate Quarry

Heute steht nur ein einziges Ziel auf dem Plan – das hat es dafür aber wirklich in sich: die Dinorwig Slate Quarry.

Nach etwa 20 Minuten Fahrt erreichen wir bereits den Parkplatz und sehen schon von dort die ersten riesigen Schieferhalden, die sich wie künstliche Berge durch die Landschaft ziehen. Geparkt wird schnell, dann geht es direkt los.

Zunächst folgen wir unserer geplanten Route ein Stück an der Straße entlang. Viel Verkehr gibt es hier allerdings ohnehin nicht, denn die Straßen sind so schmal, dass man sich kaum vorstellen kann, dass hier regelmäßig Autos fahren. Was uns aber sofort auffällt: Hier scheint wirklich alles aus Schiefer zu bestehen. Mauern, Zäune, Häuser, Wege …

Nach kurzer Zeit biegen wir links in den Wald ab und folgen dem Weg den Hang hinunter, bis wir unser erstes Ziel erreichen: die sogenannten „Barracks“.

Dabei handelt es sich um insgesamt 24 kleine Unterkünfte in zwei Reihen, vollständig aus Schieferblöcken gebaut. Jede Wohnung bestand wohl nur aus zwei Räumen: einem Eingangs-/Wohnraum mit Kamin und einem weiteren Raum, vermutlich als Schlafzimmer genutzt. Die Unterkünfte waren für Arbeiter gedacht, die nicht täglich aus den umliegenden Orten anreisen konnten. Viele Arbeiter kamen zwar aus der Region, andere jedoch sogar von Anglesey oder aus weiter entfernten Teilen Nordwales und blieben daher unter der Woche hier oben im Steinbruch.

Luxuriös war das Leben hier sicher nicht. Es gab wohl nur eine zentrale Wasserstelle und Gemeinschaftstoiletten, die regelmäßig geleert werden mussten. Gerade im Winter dürfte es in den kleinen Unterkünften ziemlich hart gewesen sein, denn die Wände aus Schieferblöcken waren alles andere als dicht.

Hinter den Barracks sehen wir mehrere Personen beim Aufbau von irgendetwas. Also frage ich neugierig nach, was hier passiert. Einer der Mitarbeiter erzählt uns, dass demnächst Filmarbeiten stattfinden sollen und die Barracks dabei als Kulisse genutzt werden. Ich frage, ob es sich um eine große Produktion handelt, worauf „pretty big“ geantwortet wird. Wir sehen auch bereits erste Vorbereitungen: orange abgesperrte Bereiche, gesicherte Wege und später im Verlauf des Tages immer mehr Trucks, Technik und Security.

Zunächst ahnen wir noch nicht, wie groß das Ganze tatsächlich ist. Erst später recherchieren wir etwas und stoßen über die Beschriftung einiger Fahrzeuge auf Hinweise, dass hier offenbar eine größere Blockbuster-Produktion mit „Game of Thrones“-Vibes gedreht wird. Dadurch erfahren wir dann leider auch gleich, dass wir unsere ursprünglich geplante Besichtigung der Conwy Castle wohl vergessen können – die Burg ist in den kommenden Tagen ebenfalls komplett für die Filmproduktion gesperrt. Gut also, dass wir heute bereits hier unterwegs sind, denn auch Teile des Quarry-Geländes sollen wohl bald geschlossen werden.

Wir laufen zunächst weiter zu weiteren Barracks auf derselben Ebene und erkunden diese etwas genauer. Immer wieder bieten sich dabei beeindruckende Ausblicke auf die gigantischen Abraumhalden. Es ist wirklich schwer zu beschreiben, wie groß diese Mengen an Schiefer wirken.

Danach folgen wir einem der alten Inclines bergauf. Diese schrägen Transportwege verbanden die verschiedenen Ebenen des Steinbruchs miteinander. Die Loren wurden hier über Stahlseile bewegt – voll beladene Wagen fuhren durch ihr Eigengewicht bergab und zogen gleichzeitig leere Wagen wieder nach oben. Gebremst wurde das Ganze über große Trommelhäuser mit gewaltigen Seilwinden.

An einem dieser Winding-Houses machen wir erst einmal Mittagspause. Die Technik hier oben ist wirklich faszinierend. Überall finden sich noch Gleise, alte Loren, Seilrollen und die Reste der gewaltigen Infrastruktur, die für den Betrieb notwendig war.

Dinorwig war einst einer der größten Schiefersteinbrüche der Welt. Im 19. Jahrhundert stammte ein Großteil der britischen Schieferproduktion aus Wales, wobei Dinorwig und der nahegelegene Penrhyn Quarry (s. auch Penrhyn Castle) alleine bereits etwa die Hälfte davon produzierten.

Nach der Pause geht es weiter hinauf auf die nächsten Ebenen. Dort treffen wir nun endgültig auf die große Filmproduktion: LKWs, Gerüstzelte, Security – plötzlich ergibt auch die Security, die wir vorhin am Parkplatz gesehen haben, Sinn.

Unser Weg führt uns anschließend an mehreren abgesperrten Bereichen vorbei. Immer wieder sehen wir alte Windenhäuser, Gleisanlagen und natürlich Unmengen an Schieferbruchstücken. Wirklich überall liegt Schiefer herum, als hätten die Menschen hier einen ganzen Berg zerlegt und anschließend die Reste einfach liegen gelassen – was effektiv ja auch der Fall war.

An einer Stelle entdecken wir einen kleinen Wasserfall in einem der ehemaligen Tagebaubereiche. Laut unserer vorherigen Recherche gibt es wohl auch einen versteckten größeren Wasserfall in einem nur über einen Tunnel zu erreichenden Bereich. Der Weg dorthin soll allerdings ziemlich gefährlich sein und natürlich nicht offiziell zugänglich – also bleiben wir lieber auf den offiziellen Wegen.

Später beobachten wir noch zwei Kletterer beim Abseilen in einem der alten Steinbruchbereiche, bevor wir schließlich den sogenannten „C-Incline“ erreichen. Alle Inclines hier sind mit Buchstaben und Ebenennummern gekennzeichnet – Westseite A, Mitte B, Ostseite C. Wir bewegen uns heute ungefähr auf den Ebenen 2 bis 4 (von bis zu 10).

Gerade der C-Incline wirkt besonders beeindruckend, da hier eine hohe schräge Steinrampe gebaut wurde, auf der die Loren geführt wurden. In der Mauer erkennen wir mehrere V-förmige Öffnungen, durch die Abraum hindurch transportiert wurde.

Langsam machen wir uns wieder auf den Rückweg Richtung A-Incline. Wir kommen noch mal an der für den Dreh abgesperrten Bergflanke vorbei und können hier auch sehen, dass ein Mitarbeiter einen langen Speer umherträgt und auch Holzfässer transportiert sowie Reisigbesen o.ä. aufgestellt werden – was das wohl zusammen mit den Blumenmassen, die wir hinter dem Gerüstzelt sehen, ergibt? Durch die Fahrzeuge der Film-Crew hindurch laufen wir auf der hier gesicherten/befestigten Halde entlang und genießen den wirklich gewaltigen Ausblick über das Quarry-Gelände vom Aussichtspunkt aus.

Insgesamt wirkt die Dinorwig Slate Quarry gleichzeitig unglaublich beeindruckend und irgendwie bedrückend. Einerseits faszinierend, welche technische Leistung hier vollbracht wurde – andererseits sieht man eben auch die gigantischen Mengen an Abraum und Eingriffe in die Landschaft, die der Mensch hier hinterlassen hat.

Zurück geht es schließlich ohne größere Höhenunterschiede entlang der alten Zufahrtswege wieder Richtung Parkplatz. Dort haben es sich inzwischen einige Schafe gemütlich gemacht – ausgerechnet direkt zwischen den Informationstafeln, aber wir haben dank Info-QR-Codes auf dem Gelände ja schon genügend historisches Wissen erhalten.

Zurück Richtung Unterkunft geht es nach etwa 4,5 Stunden. Wenn man hier Klettern geht und sich nicht an alle Regeln hält, kann man sicher auch mehrere Tage unterwegs sein.

360°-Bild in einer Barracke

360°-Bild zwischen Level 2 und 3

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